lange-weile

der tag ist gekommen, adele fliegt zurück nach wellington. Wir hatten am abend zuvor noch eine kleine poolparty mit slow-cooked lamb und trinkspielen. Früh am samstagmorgen habe ich adele zum flughafen gebracht und mich verabschieded. Ich war das erste mal ein bisschen planlos, hab das free wifi am flughafen genützt um die windvorhersage zu studieren. Kein wind. Freunde auf dem weg haben mir erzählt, dass ich unbedingt nach esperance runter soll, die strände da sind die schönsten von westaustralien und der Wind bläst fast täglich. Ich dachte mir, was solls, es ist eh nirgendwo sonst wind und die 800km fahrt wird mich ein bisschen ablenken. Also, noch mal aufgetankt und auf den albany highway. Was nun folgt, ist wohl als die langweiligste autofahrt meines lebens zu bezeichnen.

Ein Exploit:

Ich fahre. Die ersten 400km liegen hinter mir. Auf der Karte sehen die nächsten 200 jedoch so aus, als wären sie mit dem Lineal gezogen. Eine Gerade mitten im Landesinneren. Immerhin, so denke ich, hat‘s ein paar Seen auf dem Weg. Das Wetter hat sich langsam von strahlendem Sonnenschein zu vereinzelten Wolken und lokalem Niederschlag verschlechtert. Ich schaue zum Horizont, es sieht so aus, als würde ich gerade ins Einzugsgebiet von Hurricane Rusty fahren. Der ist vom nördlichen Exmouth durchs Land bis über die Südküste hinaus gezogen. Natürlich habe ich das in der Vorhersage nicht bemerkt. Naja, mittlerweile ist es zu spät zum Umdrehen. Also die Scheibenwischer nochmals prüfen und rein in den Regen. Die Schneise der Strasse führt geradeaus, soweit ich sehen kann. Links und rechts säumen abwechselnd ein paar Büsche oder kleinere Bäume den Weg. Hinter der Strassenbepflanzung sind weitläufige und grösstenteils brachliegende Weizenfelder. Ein Schild mit der Aufschrift „Welcome to the wheatbelt“ macht mich auf eben diesen Umstand aufmerksam. Vielleicht habe ich ja Glück, und sehe nach über 2500km endlich mal wieder ein Känguru. Der kleine Musik-Burger, den mir Adele dagelassen hat, spielt zufällige Songs aus meinem iPod. Das Radio ist kaputt. Ich bete, dass mich die Boxen nicht im Stich lassen, nicht hier, nicht jetzt. Die Akku Laufzeit beträgt nach einer vollen Ladung ca. 5h. mittlerweile müssen‘s sicher schon 4h gewesen sein. Shit. Mein Kopf ist leer, ich bin müde von der pausenlosen Fahrt. Ich habe Hunger. Neben mir liegt noch ein Apfel, doch den hebe ich mir für später auf. Ich habe gelesen, dass ein Apfel ungefähr so viel Koffein wie eine Tasse Kaffee enthält. Ich glaube daran.

Mein Van holpert über die unebene Strasse. Einmal geht’s 50m hoch, dann wieder runter. Vor jedem Hügel bete ich, dass dahinter irgendetwas Spannendes liege, doch ich täusche mich. Es wird langsam kühler, der Regen ist unregelmässig und meine einzige Abwechslung sind die verschiedenen Gangarten des Scheibenwischer-Motors. Mal aus, dann plötzlich superschnell, und dann wegen dem Nieselregen abwechselnd aus und 1. Stufe. Das ist das Schlimmste. Die Nadel des Tachometers steht wie festgenagelt genau aufrecht bei 95kmh. Das ist die beste Reisegeschwindigkeit. Schneller würde dem Van schaden, langsamer würde bedeuten, dass das Ziel noch weiter in Ferne liegt. Das Ziel, hmm, was ist eigentlich das Ziel? Ich schaue auf die Karte und sehe ein Dorf am Ende der Geraden. Das muss es sein. Gelobt seist du mit deinem bezeichnenden Namen, Lake King. Vielversprechend hört sich das an. Am Strassenrand zieht ein kleines grünes Schild vorbei, auf dem mit weissen Lettern geschrieben steht: LK 95. Nur noch eine Stunde auf der Geraden. Die Musik stoppt. Scheisse! Eine Stunde ohne immerhin einem Mindestmass an Unterhaltung. Das monotone Brummen des Motors unter meinem Hintern wird meine neue Musik. Mein Po schmerzt und ich finde keine neue Sitzposition mehr. Meine Gedanken kreisen; soll ich das hier wirklich schriftlich festhalten? Und wenn ja, wie? Immer mal wieder werde ich von den Bodenwellen aus den Gedanken gerissen. Die Plattenfederung ächzt bei jeder Erhebung. Ich rolle mir eine Zigarette. Das ist auf jeden Fall nicht das einfachste Unternehmen. Bei Tempo 95 wirkt jede Unebenheit wie ein kleines Trampolin und lässt den Tabak öfter als geplant auf meine Hose fallen. Das Steuerrad ist auch keine Hilfe, ich kann nicht mit den Knien steuern sondern muss meine Ellenbogen bemühen. Zudem hat es knapp eine Viertel Umdrehung, bei der gar nichts passiert, erst dann lenken die Räder ein. Mama würde mich tadeln, wenn sie mich so fahren sieht, denke ich. Soll ich anhalten? Schliesslich schaffe ich es und zünde mir gelangweilt die Zigarette an. Ich kann das Fenster nicht weit öffnen, da sich der Regen verstärkt hat. LK 55.

Ich beisse in den Apfel. Nicht mehr lange, und dann hast du’s geschafft, sage ich zu mir selbst. Lake King. Wow! Ich ziehe vorbei an Kuh- und Schafherden. Keine Kängurus. Wieso ist hier eigentlich niemand, frage ich mich. Stimmt, seit sicher einer Stunde habe ich keine Menschenseele mehr gesehen. Die wissen wohl, warum. LK 20. Ich fahre auf einen Hügel und dahinter ebnet sich die Strecke. Es wird komplett flach. Das weiss-gräuliche Land vermischt sich mit dem wolkigen Himmel. Ich kann den Horizont nicht mehr ausmachen, ich will aber auch gar nicht. Die Strasse führt direkt durch den See auf einem kleinen Damm. Lake King, der See sieht eher aus wie Lake Boring. Ein unspektakuläres Gemisch aus Wasser, Lehm und Salzkruste. Vielleicht sieht‘s ja bei Sonnenschein schön aus, doch jetzt wirkt es ziemlich trostlos. LK 10. Ich sehe das Ende des Sees, bald hast du’s geschafft, sage ich erneut zu mir. Ich passiere vereinzelte Farmen und dann kommt das Ortsschild. Yay! Doch wie weiter? Ein Strassenschild sagt, dass sich die Tankstelle bei der Taverne befindet. Als ich um die Ecke biege, traue ich meinen Augen nicht. Es steht ein altes Bauernhaus mitten im Nirgendwo und daneben ist eine alleinstehende Zapfsäule. Na wunderbar. Adele hat mir ein neues Wort beigebracht, remote. Remote bedeutet, soweit ich es interpretieren konnte, alleinstehend; für sich alleine; mitten im Nirgendwo. Das Wort remote beschreibt das Dörfchen perfekt, denke ich. Ich stelle mein Auto neben die „Tankstelle“ und bestelle ein Bier in der einzigen Bar des 30 Seelen Dorfs.

Eins weiss ich bestimmt, mein Rückweg führt nicht über dieselbe Route!

PS: ich bin nun seit 2 tagen in esperance, es ist wunderschön, doch leider fehlt der wind komplett und auch die aussichten sehen miserabel aus. deshalb werde ich mich wohl auf den weg zurück nach margaret river oder augusta machen. wir werden sehen…

PPS: die vorhersage hat so gut ausgesehen, dass ich jetzt in geraldton gelandet bin. gestern hatte ich einen super tag mit meinem neuen waveboard und jetzt warten wir ab bis montag, die vorhersage sagt bis 5m welle an!!! happy days

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