Gobi Gallop 2 – Back from Archangai

“I’ve been through the desert on a horse with no name
It felt good to be out of the rain
In the desert you can remember your name
Cause there ain’t no one for to give you no pain”

America – A horse with no name

Ich habe lange gezögert, diesen Eintrag zu schreiben. Es ist so viel und doch nichts passiert in den vergangenen Tagen. Trotzdem werde ich versuchen, euch unsere Erfahrungen und Momente auf dem 11 tägigen Trek so gut wie möglich zu überbringen.

Der Gobi Gallop Ride

Letztes Jahr von Julie Veloo ins Leben gerufen, basiert der Event nur darauf, auf dem Pferderücken 700km in 10 Tagen zu bewältigen. Die Route wird einigermassen vorgegeben, kann sich aber durchaus spontan ändern, wenn zum Beispiel der hohe Wasserspiegel der Flüsse das Queren unmöglich macht.
Zusätzlich kommt noch der Wohltätigkeits-Aspekt dazu. Die Hälfte der Startgebühr geht an ein Projekt, welches den ärmsten der armen Kinder aus dem Ger District einen Platz in einem Kindergarten, zwei Mahlzeiten täglich und Schulbildung ermöglicht. Doch dazu mehr in einem späteren Abschnitt.

Die Gruppe

Julie Veloo, der Kopf hinter der ganzen Sache, kommt aus Kanada, lebt mittlerweile seit 4 Jahren in UB und hat sich gänzlich dem Reiten und der Hilfe der sozial benachteiligten Kinder verschrieben.
Chad, der Althippie, kommt ebenfalls aus Kanada, ist 69 Jahre alt und somit unser Ältester. Ich bin oft mit ihm geritten und wir haben über Wirtschaft, Politik, Reisen, Kornkreise (er hat viele Jahre der Untersuchung des Paranormalen gewidmet) und vieles mehr diskutiert.
Gale, wie der Sturm, kommt aus dem tiefsten Kanada, wurde auf der Reise 65, ist total technikabgeneigt, hat das erste Mal mit uns Nutella und Oreos gegessen und hinterfragte ALLES. Sie war das Kind, welches zum ersten Mal die weite Welt entdeckt. Sie war die Einzige, welche mehr Kilometer im Auto als auf dem Pferd zurückgelegt hatte.
Ann, eine Australierin, die in England und für einige Wochen im Jahr in UB lebt, hatte sämtliche Tübchen und Cremes aus ihrem Badezimmer dabei. Trotzdem hat sie die ganze Strecke durchgehalten und verdiente sich damit unser aller Respekt.
Kai, aus Singapur war mit ihren 25 Jahren auch im Club der Jungen vertreten, musste leider als Einzige schon früher abreisen, da sie ihrer Arbeit als Neurologin nachkommen musste. Sie war die erfahrenste Reiterin aus der Gruppe und hat die langen Joggingphasen mit klassischer Musik überbrückt.
Soyolbold, der einzige Mongole in der Touristengruppe, hatte bereits den ersten Gobi Gallop Ride absolviert und bestand darauf, die gesamte Strecke auf dem überaus unbequemen mongolischen Sattel zu bewältigen. Er war der Blickfang mit seinem langen Zopf und der traditionellen Kleidung und hat uns viel über das Land und die Leute beigebracht.

Baagi, der Vater der Pferde und unser mongolischer Führer und Organisator, hat die Gruppe sicher durch das weite Nichts geführt und sogar unterwegs noch einen jungen Hengst gekauft. Er hat das Tempo und die Route vorgegeben, hat sich täglich um die Pferde gekümmert und ist selbst nach einem 11 stündigen Ritt noch die ganze Nacht aufgeblieben, um die Mannschaft zu entlasten und die Pferde zu bewachen, nur um am nächsten Tag wieder 9 Stunden auf dem Pferd zu sitzen.
Seine Frau Saraa hat uns mit dem Truck begleitet und war für die Organisation rund ums Camp verantwortlich. Sie ist die fleissige Biene, die ohne zu zögern jede Arbeit verrichtet. Mit ihr zusammen war ihr Sohn, Saichnaa, welcher uns auch auf den nächsten Trip begleiten wird, Nomin, die mit dem Koch für unser leibliches Wohl verantwortlich war und noch ein Saichnaa, der als helfende Hand im Hintergrund gewerkelt hat.

Zu guter Letzt war da noch Bayara, der Fahrer des Jeeps, ein Kind im Körper eines Erwachsenen und ein überaus liebevoller Mensch. Er hat uns stets in einigem Abstand begleitet, die bisher bewältigte Kilometeranzahl durchgegeben und ermüdete Reiter eingesammelt.

Die Gruppe war bunt durchmischt, doch wir konnten uns alle miteinander arrangieren und hatten tolle Gespräche und viele lustige Momente zusammen.

Der Ritt

Mit dem Auto wurden wir von UB in das 460km entfernte Tsetserleg im Archangai gefahren. Ein bisschen hinter der Stadtgrenze haben wir unsere Zelte an dem Ufer eines Flusses aufgeschlagen und mit einem riesigen Lagerfeuer und Vodka den Start der Tour besiegelt. Am ersten Reittag, noch bevor wir die Pferde bestiegen hatten, sind wir zu einem Schamanenfelsen in der Nähe gefahren. Danach wurde mir das Pferd Ginger zugeteilt, Katharina hatte Grey Wolf. Die Pferde waren ziemlich aufgebracht nach der weiten Reise und wussten nicht was los ist und so ist Ginger gleich mit mir auf dem Rücken durchgebrannt und losgaloppiert. Irgendwann habe ich ihn aber unter Kontrolle bekommen und der restliche Weg war zwar ein Kampf, doch durchaus machbar. Wir endeten an den Hot Springs wo wir im Ger übernachtet haben und uns ein Bad in den heissen Quellen gönnten.
Am nächsten Morgen wurde mir Chocolate zugeteilt, welchen ich bis zum Schluss geritten bin und definitiv einfacher als Ginger zu kontrollieren war. Wir ritten für etwa 9 Stunden durch eine fantastische Landschaft und waren am Ende des Tages alle erschöpft. Das Camp war in einem Tal mit grossen Kuh- und Schafherden und beim Abendessen ist eine Gruppe halbwilder Pferde an uns vorbeigalloppiert.
Nach einem tiefen Schlaf sind wir zu dem buddhistischen Kloster auf den Berg geritten und haben es besichtigt. Die Route führte wieder den Berg runter und über saftig grüne Wiesen, durch karge Steppenlandschaft zu einem Fluss. Dies war meine erste richtige Flussüberquerung zu Pferd. Doch ich konnte die Landschaft nicht geniessen, meine Knie hatten mich aufgegeben und ich konnte weder stehen noch sitzen. Dies war der Zeitpunkt, als ich den Rest der Strecke im Auto zurücklegen wollte. Doch nach einigen Schmerzmittel und einer “Energieheilung” durch Gale habe ich mich dazu gezwungen, den Rest auch noch zu reiten. Ich wurde mit endlosen  Lavafeldern entlang des Flusses belohnt, welche ich mit steigender Sicherheit im Sattel durch galoppiert bin. Abends war dann kurz Zeit für eine Katzenwäsche im Fluss, nur wenige Meter weiter flussaufwärts bedeckten noch immer Eisschollen das Gewässer, was unsere Zeit im Wasser stark verkürzte.
Am nächsten Tag ritten wir dann zum Wasserfall. Der eben genannte Fluss stürzt sich aus etwa 20 Meter in einen Graben. Wir verbrachten einige Zeit da bevor wir uns auf die längste Etappe aufgemacht haben. Die Route führte nach Kharakhorum, der antiken Hauptstadt der Mongolei. Nach 11 Stunden im Sattel begann es zu regnen und wir waren alle froh, als wir die letzten der 100 geplanten Kilometer im Auto zurücklegen konnten. Wir kamen gegen 22.00 Uhr in Kharakhorum an und wurden in ein Haus einer lokalen Familie gelotst. Dort haben sie für uns ein Schaf geschlachtet und das ganze Fleisch auf einer riesen Platte präsentiert. Nach einem solchen Marathontag wollten wir aber alle nur noch ins Bett und so wurde die liebevoll gemeinte Geste von uns nicht wirklich geschätzt. Ausserdem bekamen wir eine riesige Schüssel mit Haut, Fett und gemäss unseren westlichen Geschmacksknospen widerlichem Fleisch, welche unsere Motivation nicht wirklich steigerte. Wir wurden dann darauf in ein Ger Camp gefahren und sind etwa um Mitternacht völlig erschöpft in die Betten gefallen.
Auf dem Programm für den nächsten Tag stand die Besichtigung des noch immer aktiven Klosters. Unseren Pferden wurde auch einen Tag Pause gegönnt und wir sattelten um auf eine Gruppe lokal bereitgestellte Pferde. Nach einem Tag mit vielen Stürzen, sehr viel Galopp und einigen spontanen Rennen waren die Pferde buchstäblich tot! Nach ca. 85km wollten die Pferde schlicht nicht mehr weiterlaufen. Sie konnten nicht mehr! Ich und Saichnaa, der Sohn von Baagi und Saraa, ritten vorweg um das Camp zu suchen, während der Rest der Gruppe mit dem Auto fuhr oder zu Fuss mit dem Pferd im Schlepptau weiterging. Wir zwei prügelten die Pferde sprichwörtlich durch, aber bei den Anderen ging einfach nichts mehr. Und auf diesen letzten Kilometern hatte es mich auch erwischt. Das Pferd ist mit dem Vorderbein in ein Loch gestanden, gestrauchelt und ich war nicht mehr fähig es hochzuziehen, so bin ich dann langsam aber bestimmt vom Sattel gerutscht. Zum Glück ist aber niemandem etwas Ernsthaftes passiert und der Platz am Ufer des Sees Ogi Nuur hat uns für die gesamten Strapazen und Schmerzen mehr als entschädigt. Das anschliessende Bad im kühlen Wasser mit einem einzigartigen Sonnenuntergang und einem kühlen Bier in der Hand tat den Rest und wir konnten das Leben wieder in vollen Zügen geniessen.
Am nächsten Morgen ging es weiter durch Mausland zum Tent Mountain (Maikhan Owool). Die kleinen Biester haben die gesamte Erde unterhöhlt, was zusammen mit dem lockeren Boden für viele Einbrüche der Pferde und weitere Stürze sorgte. Die Landschaft war überwältigend, weite Täler umgeben von sanften Hügeln. Wir ritten den ganzen Nachmittag durch die steppenartige Landschaft der Mini-Gobi und hinter jedem Hügel präsentierte sich die Umgebung von einer komplett anderen Seite. Einmal waren es steinige, sandige Böden, dann wieder saftiges Grün und Blumenfelder. Katharina fühlte sich gegen Schluss nicht mehr wohl und fuhr eine kurze Strecke im Auto zum Camp. Dies hatte den Vorteil, dass bei unserer Ankunft die Zelte schon am Ufer von zwei kleinen Ententeichen standen.

Auch am siebten Tag sind wir über 8 Stunden und 85km weit geritten, es hat zum ersten Mal geregnet und die Landschaft hat sich kaum bis wenig verändert. Gegen Ende war es Buschlandschaft und ich habe mir ein Rennen mit Chad geliefert. Sein 15 jähriger Tommy hatte gegen meinen 8 jährigen Jungspund natürlich keine Chance 🙂 Später habe ich erfahren, dass Chocolate ein Rennpferd ist und es mit dem richtigen Reiter eines der schnellsten Pferde im Stall ist. Wir haben in der Nähe der Stadt Daleschilling campiert und am Abend gab es ein kleines Geburtstagfest zu Gales 65 mit Kuchen und Keksen.
Und dann war es endlich so weit: Ich bin aufgestanden und NICHTS hat mehr geschmerzt! Es war wie der Himmel auf Erden! Keine Tabletten mehr, keine schmerzenden Knie nach Stunden im Sattel, keine pulsierenden Pobacken, schlicht ein Traum! Das Wetter war noch immer schlecht und wir ritten im Nieselregen durch endlose Weiten. Doch der Tag sollte sich noch zum Guten wenden. Das Nieseln stoppte schon bald, wir fanden uns in einer Sumpflandschaft wieder und hatten ein leckeres Mittagessen in einem kleinen Dorf. Kurz vor der Weiterreise wurden dann noch meine Stiefel geflickt, die Sohle hat sich gelöst und ich bekam zwei neue Sohlen verpasst. Nach einem sehr langen Tag, ich habe meine erste wilde Schlange überhaupt gesehen, kamen wir über eine Bergkette hinter Bayanuur. Die Aussicht kann ich nicht in Worte fassen, doch sie holten die ganzen bisher unterdrückten Emotionen hervor. Ich denke, dass diese Minuten die schönsten der ganzen Reise waren und selbst das Schreiben darüber treibt mir Tränen in die Augen. Es ist, als ob man unzählige Strapazen überwunden hat, nur für diesen einen Moment, dieser Blick auf eine Weite gesäumt mit Hügelketten, getaucht in das goldene Licht der sinkenden Sonne. Ich wollte nur eines; alleine sein und durch diese überwältigende Landschaft galoppieren. Dies ist ein Moment, den ich in meinem ganzen Leben niemals vergessen kann…
Ein Klopfen an der Zeltplane am nächsten Morgen holte uns aus dem Schlaf und Gale hielt Katharina einen jungen Welpen zur Begrüssung entgegen, welcher sie vom Brunnen zum Camp begleitet hatte. Katharina war sofort Feuer und Flamme für den jungen Hund (und noch nie so schnell wach….) und nach einem ausgiebigen Frühstück mit Müesli und frischer Kuhmilk (yummie!) ging es Richtung Lung. Wir hatten Lunch am Fluss als meine kleine Kamera den Geist aufgab. Es war kein grosser Verlust, aber es war doch praktisch, immer einen kleinen Schnippomat bei sich zu haben und sich nicht nur auf die sperrige DSLR von Kat zu verlasssen.
Nachmittags ritten wir durch weite Graslandschaften. Man spürt die beginnende Nähe zur Hauptstadt. Wir haben ein bisschen abseits der Strasse campiert und gingen früh zu Bett. Tagwache war um 04.15, um 05.00 Uhr ritten wir los, dem Sonnenaufgang entgegen. Heute war nur ein kurzer Tag, 25km bevor wir die Pferde auf den Truck verladen haben. Um etwa 08.00 Uhr sind wir im Hustai Nationpark angekommen, wo wir die letzten wilden Pferde der Erde, die Urpferde (Przewalski) beobachten konnten. Im Basislager des Nationalparks fanden wir auch gleich eine Dusche und mussten uns der Versuchung hingegeben. Ahh, das war ein gutes Gefühl! Da wir nicht durch UB durchreiten wollten, sind wir mit dem Jeep gefahren und die Pferde wurden auf dem Truck zum Turkish Monument transportiert. Wir hatten die Wahl zu campieren oder im Ger zu übernachten, aber nach einigen Nächten im Ger haben die meisten von uns das Zelt bevorzugt. Die Jungs von der Kasachenfamilie haben zwei Ziegen geschlachtet. Eine wurde auf dem traditionellen Weg mit dem Aufschlitzen der Kehle getötet und ausgeblutet, die andere wurde mit dem showmässigen ausreissen der Aorta erlegt. Danach wurden sie auf der Stelle gehäutet, keine 20 Meter weiter spielten die Kinder Basketball. Es mag bizarr erscheinen, aber diese zwei Ziegen bedeuten Nahrung für eine ganze Woche für die gesamte Familie und somit war das ein gängiges Prozedere.
Der letzte Tag bestand auch nur aus einem kurzen Ritt. Die Pferde wurden zunehmend unruhiger, da sie die Gegend, den Geruch und die Weiden kannten und nur nach Hause wollten. Wir hatten Mittagessen in einem magischen Wald der 100 Bäume und ritten vorbei an der 26m hohen Gingis Khan Reiterstatue aus Stahl zu einem kleinen Spa. Dort freuten wir uns über die erste Dusche mit warmen Wasser seit Tagen, zogen uns saubere Kleidung an und ritten die letzten 10 Minuten bis zum Pferdestall.
Wir wurden von einem riesen Empfangskomitee begrüsst und hatten endlich das Ziel erreicht!!

Zusammenfassung

Ich habe gerade 3 Stunden geschrieben und mag nicht mehr. Es lässt sich aber sagen, dass ich diese 11 Tage niemals vergessen werde, den ständigen Geruch nach Salbei, die Höhlen der Mäuse, die Falken über mir, die abwechslungsreiche Landschaft. Es ist nicht beschreibbar, was wir erlebt haben, Fotos geben diese unglaublich gewaltige Landschaft niemals wider, keine Worte können die herzhaften Leute beschreiben und doch hoffe ich, euch eine kleine Impression dieses wunderbaren Landes gegeben zu haben. Kommt und seht selbst!!

Wir sind jetzt übrigens wieder in UB und gehen am nächsten Sonntag auf einen erneuten 9 tägigen Trek, diese Mal aber nur Katharina und ich, zusammen mit Saichnaa und noch einem Jungen. Danach fliegen wir wohl in den Westen, ins Altai Gebirge und kommen rechtzeitig zum Naadam (dem grössten mongolischen Fest) wieder zurück und mit etwas Glück dürfen wir uns da gegen die lokalen Jungs im Pferderennen messen.

Fotos gibts wie immer auf Facebook und über folgenden Link:
https://www.flickr.com/photos/126652876@N08/

(PS: ich konnte leider nicht alle Fotos auf Flickr laden, aber ich hoffe ihr habt eine kleine Vorstellung. Ich werde, einmal zu Hause angekommen, die Fotos updaten)