White Tiger – Teil 1

Der Start unserer Reise in Kapstadt liegt eine gefühlte Ewigkeit zurück. Ich sitze jetzt gerade am Lagerfeuer, die Sonne hat sich für heute schon seit Stunden verabschieded und die Mädchen haben sich schlafen gelegt. Alles begann im Hostel in Kapstadt wo ich Anna, eine fesche Österreicherin aus Lienz getroffen habe. Da sie bereits seit Oktober letzten Jahres in Afrika weilt, habe ich sie auf meine geplante Fahrt in einem 4×4 Auto durch Namibia und Botswana angesprochen. Nach erstaunlich kurzer Bedenkzeit und dem Abwägen der ungefähren Kosten hat sie provisorisch zugesagt. Sie meinte, dass eine ihrer Freundinnen in Österreich bestimmt auch Interesse daran haben würde und überbrachte ihr den Vorschlag. Kurz darauf habe ich Offerten verschiedener Autovermieter verglichen und schliesslich unser Wunschauto für 40 Tage reserviert. Nicht viel später habe ich Kathi auch schon am Flughafen in Kapstadt abgeholt. Bereits nach den ersten Minuten hatte ich ein gutes Gefühl und wusste, dass die Reise in diesem Team ein Erfolg werden würde. Ausgemacht wurde, dass wir über Namibia hochfahren und Anna und Katharina etwa nach drei Wochen auf Höhe der Victoria Falls in Sambia und Simbabwe aussteigen würden und ich alleine oder eventuell mit neuer Begleitung durch Botswana zurück nach Johannesburg fahre.

Das Auto wurde vom Sohn des Vermieters von Johannesburg nach Kapstadt gefahren und uns am Morgen des 9. April übergeben. Gleich darauf haben wir Lebensmittel für die erste Woche gekauft und uns auf den Weg gen Norden gemacht. Durch das Hinterland der Westküste fuhren wir bis kurz vor Springbok und haben da einen lokalen Bauern gefragt, ob wir auf seinem Farmgelände übernachten dürfen. Seine Tochter musste zwar übersetzen, da er nur Afrikaans spricht, doch es ging alles auf und so haben wir das erste Mal unsere Zelte unter einem doppelten Regenbogen aufgeschlagen.

Durch die karge Einöde ging die Fahrt weiter bis an die Grenze zu Namibia. Der Grenzübertritt gestaltete sich als unproblematisch und wir fanden vor Einbruch der Dunkelheit ein schönes Nachtlager etwas abseits der Strasse hinter einem Hügel. Wir haben die Gegend zu Fuss erkundet und als wir zurück zum Auto gekommen sind, vernahm Kathi ein leises Zischen beim hinteren Reifen. Ich wollte auf keinen Fall eine Panne an einem unzugänglichen Ort haben, also sind wir mit halber Luft im Pneu zurück zur Strasse gefahren. Dort habe ich das Rad demontiert und mit dem mitgelieferten Reparaturkit versucht das Loch unter riesigem Kraftaufwand zu stopfen. Leider war diese Aktion letztendlich trotz zahlreichen Versuchen nicht erfolgsgekrönt, so dass wir beschlossen haben, das Ersatzrad zu montieren. Nach einer wohlverdienten Stärkung haben wir uns nur einige Meter von der Strasse entfernt schlafen gelegt. Trotz der Nähe zur Grenze passierte uns bis zum Morgen kein einziges Auto.

Wir sind dann auf dem Ersatzreifen bis nach Ais-/ais gefahren (die /-Zeichen beschreiben Klicklaute in der Sprache der San, z.B. Zungenschnalzen), wo wir den kaputten Pneu reparieren liessen und wir uns ein Bad in den bis zu 65C heissen Quellen gönnten. Nur eine Autostunde entfernt befindet sich der imposante Fishriver Canyon. Das durch Erosion zustande gekommene Tal erstreckt sich über eine Länge von 150 km und ist an der tiefsten Stelle 550 m tief. Die Touristensaison geht in Namibia erst im Juni los und so waren wir fast die einzigen Besucher dieses südnamibianischen Landmerkmals. Auf dem Weg zum Canyon haben wir zwischen den Felsen auch unsere ersten Zebras gesehen – es sollten noch viele mehr folgen. Auf sandiger Piste fuhren wir weiter bis zum Naute Dam, ein kleiner Stausee mit einem beeindruckenden Sonnenuntergang. Wir haben den Tag mit dem von Kathi mitgebrachten Himbeerschnaps abgeschlossen, wobei jemand etwas zu tief ins Glas geschaut hatte…;-)
Wir haben uns dann, alle etwas verkatert, auf den Weg nach Lüderitz gemacht und hinter dem Wüstenstädchen Aus die wilden Pferde und Oryxantilopen beobachtet. Der gesamte Südwesten Namibias wird von der Wüste Namib bestimmt und wir waren froh, als wir hinter den Sanddünen der ältesten Wüste der Welt den Nebel Lüderitz’ sahen und die Luft zunehmend salziger wurde. Kurz vor der Hafenstadt ist Kolmanskopp, ein ehemaliges Minenarbeiterdorf, welches nach dem Versiegen der leicht zugänglichen Diamantenminen langsam von der Natur zurückerobert wurde. Heute dient es als anschauliches Beispiel einer Geisterstadt. Der gesamte Küstenstreifen von der südlichen Grenze bis Lüderitz ist Sperrgebiet und nur mit spezieller Erlaubnis befahrbar. Grund dafür ist eines der grössten Diamantenvorkommnisse unserer Erde. Gerüchten zufolge konnte man vor hundert Jahren im Mondschein die Diamanten im Wüstensand schimmern sehen und einfach auflesen.

Lüderitz selbst war wie viele Küstenregionen Namibias in dicken Nebel eingehüllt und das Thermometer fiel in den letzten 5km um gute 25C. Zudem war bei unserer Einfahrt Sonntag und die deutsch-geprägte Stadt glich selbst einer Geisterstadt. Sämtliche Geschäfte waren geschlossen und wir traffen auf den Strassen der gesamten Stadt nur auf 4 Menschen. Um dieser trostlosen Gegend zu entkommen, fuhren wir weiter auf die Halbinsel und statteten dem bekannten Speedstrip einen Besuch ab. An diesem für mich speziellen Ort wurde ein Kanal ausgehoben, wo sich jedes Jahr Windsurfer und Kiter zur Jagd auf den Rekord des schnellsten windangetriebenen Wasserfahrzeugs treffen. Der momentane Rekord liegt übrigens bei über 105 km/h und wurde an genau diesem Ort von einem französischen Kiter aufgestellt. Eine freundliche Rezeptionistin des Campingplatzes hat uns auf eine versteckte Bucht aufmerksam gemacht, wo das freie Campen kein Problem war.

Die Kälte in den Knochen waren wir froh, als es am nächsten Morgen den selben Weg zurück in die heisse Namib ging. In Aus bogen wir nach Norden ab und durch den kürzlich gefallenen Regen sprossen saftig-grüne Grashalme aus der roten Erde, was für einen unwirklichen Kontrast sorgte. Durch lavaüberströmte Berge ging es vorbei an Geiern, Oryx und Wanderfalken zu dem Duwisib Castle mitten in einem grünbewachsenen Tal. Um der Natur ein Stück näher zu sein, sassen wir abwechslungsweise auf dem Dach des Autos, welches mit über 80 km/h über die Schotterpiste bretterte. Anna sass auf dem Dach, als wir beim Castle angekommen sind und die Mitarbeiter verpassten ihr kurzerhand den Spitznamen “Monkey”, was für einige Lacher sorgte. Das Castle selbst war durch den Einfluss der Deutschen geprägt, stiess bei uns allerdings nicht auf wahnsinnige Begeisterung.

Duwisib Castle

Nach einer weiteren Nacht in einem Tobel am Strassenrand (die kilometerlangen Zäune entlang der Strassen macht ein Entfernen von derselbigen beinahe unmöglich. Trotzdem fühlt man sich in der Wildnis, da sowieso niemand vorbeifährt) und einigen unheimlichen Geräuschen fuhren wir in das Gebirge des Namib-Naukluft Parks und wanderten entlang des 10km langen Olive Trails. Die Bewegung nach den langen Passagen des im-Auto-sitzens war eine willkommene Abwechslung. Um möglichst nahe am Tor des Sossusvleis zu sein, fuhren wir am selben Tag noch weiter, bis wir etwa 30 km vor Sesriem bei Einbruch der Dunkelheit unser Nachtlager unter einem Baum neben der Strasse errichteten. Unser Wasserkanister konnten wir in einer luxuriösen Lodge auffüllen und somit waren wir gewappnet für den Ausflug zu den weltbekannten Dünen des Sossusvleis am nächsten Morgen. Nach dem Abendessen wollten wir gerade den Schlummertrunk einnehmen, als etwa zwei Meter von unseren Füssen entfernt ein Skorpion versuchte, ein zusammengeknülltes Taschentuch mit seinem Stachel zu töten. Wir sind wie von der Tarantel gestochen (haha) hochgeschreckt und haben uns auf der fest installierten Sitzbank in Sicherheit gebracht. Mit Hilfe unserer Stirnlampen haben wir den Skorpion nie aus den Augen gelassen, ausgetrunken und uns mit einem etwas flauen Gefühl in der Magengegend ins Zelt verkrochen.

Die rot leuchtenden Sanddünen des Sossusvleis kommen in der Morgensonne am schönsten zur Geltung und deshalb machten wir uns um 5 Uhr morgens zum Eingang des Parks auf. Als Erste in einer Reihe von Autos, die dem Osterstau vor dem Gotthard Konkurenz machte, frühstückten wir an der Heckklappe des Tigers und wurden zu einer Touristenattraktion des Busses hinter uns. Man stelle sich vor, 20 Leute, eingepfercht in einem Lastwagen, welcher die wichtigsten Attraktionen des Landes im Eiltempo abklappert, löcherten uns frühmorgens mit allen möglichen Fragen. Wir nahmens jedenfalls mit Humor und hoffen, vielleicht einige Personen zu einem zukünftigen Abenteuer inspiriert zu haben. Als sich das Tor dann zum Sonnenaufgang öffnete fuhren wir direkt zu den 60km entfernten Dünen um das Naturwunder vor den Massen in Ruhe bewundern zu können. Auf dem Weg kreuzten zwei Schakale die Strasse und im weiten Tal zwischen den Dünen konnte man die ein oder andere Antilope erspähen. Die letzten 4 km zum Parkplatz führten durch lockeren Sand mit tiefen Fahrrinnen. Mit unserem 4×4 Antrieb und genug Momentum kamen wir locker durch, während Fahrer von normalen Autos erst in ein Taxi umsteigen mussten. Wir bestiegen eine etwa 150 m hohe Düne und hinter der Spitze lag das noch immer im Schatten gelegene Deadvlei zu unseren Füssen. Das Wort ‘Vlei’ bedeutet See auf Afrikaans und der Blick auf die berühmte Kalkpfanne mit den abgestorbenen Bäumen, welche als Fotosujet für ganz Namibia herhalten muss, erhellte unsere Morgenstimmung. Beim Runterspringen von der Düne rutschte Katharinas Kamera aus der Tasche und war in Folge nur noch ein Stück Elektroschrott gefüllt mit Sand. Anna und ich haben dafür gleich Fotos für drei gemacht. Auf dem Rückweg machten wir noch Halt bei der Düne 45 bevor wir uns auf den Campingplatz schlichen und erstmals nach 7 Tagen duschen konnten. Mit dem verfügbaren Wasser konnten wir auch endlich das dürftig gewaschene Geschirr säubern und genossen die übrigen Annehmlichkeiten der Zivilisation, wie z.B. einen italienischen Espresso. Wir haben voll getankt und noch einen kurzen Abstecher zum Sesriem Canyon gemacht, doch nach dem gestrigen Canyon auf dem Olive Trail war Sesriem mehr Pflichtprogramm als atemberaubend. Nach dem Mittag sind wir weiter richtung Kuiseb Pass gefahren, wo wir auf einen belgischen Radler stiessen, der im Schatten eines Baums der Mittagshitze zu entkommen versuchte. Wir haben ihn mit einem eiskalten Bier versorgt und Anna hat ihn mitten auf der Strasse physiotherapeutisch am Rücken behandelt. Die Gegend um uns rum hat sich von Wüste in Trockensavanne verwandelt und nach der Überquerung des südlichen Wendekreises kamen wir in ein stark erodiertes Gebirge mit weichen Linien und furchigen Wasserläufen. Wir wollten uns eigentlich auf einen Hügel neben der Strasse stellen, haben dann aber abgehende Fahrspuren gesehen, welchen wir etwa 2 Minuten gefolgt sind und uns plötzlich vor einer Grotte befanden. Einstimmig wurde der Platz als unser nächtliches Lager erkoren. Die ganze Nacht durch hörten wir das Wiehern der Zebras.
Am nächsten Morgen fuhren wir über den schönen Kuiseb Pass und weiter durch die endlose Weite der weiss glänzenden Namib mit der Hafenstadt Walvis Bay als Ziel.

Mittlerweile ist das Lagerfeuer erloschen, der Wein ausgetrunken und Zeit für mich, ins Bett zu hüpfen. Wir sind übrigens momentan auf dem Weg zum Caprivistreifen und haben mit Himbas Wäsche im Fluss gewaschen, die Haare flechten lassen und die vielfältige Tierwelt des Etoschas bewundert. Doch dazu mehr im nächsten Teil.

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Fishriver Canyon

 

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Sossusvlei

 

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The Grotto

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Spitzkoppe